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Kulturpolitik Aktuell

Grenzüberschreitende Kulturpolitik im Oberrheingebiet


Kritische Bilanz von französischer Seite legt Defizite offen
Seit mehreren Jahren schon wird der geografische Raum, der die Nordwestschweiz, vier Teilgebiete des Elsass, Baden und Südpfalz umfasst, in vielfältige wirtschafts- und kulturpolitische Fördermaß-nahmen (darunter auf Grenzregionen ausgerichtete EU-Programme) eingebunden. Etwa 6 Millionen Menschen leben in diesem Dreiländ-ereck, wobei fünf Ballungszentren (Straßburg, Karlsruhe, Freiburg, Mulhouse und Basel/Lörrach) jeweils über 100.000 Einwohner verzeichnen. Institutionell wurde u.a. die Oberrheinkonferenz mit eigenem Mandatsgebiet geschaffen. Zwischen den Jahren 2000 und 2006 förderte die Europäische Union im Rahmen des Programms Interreg EI A insgesamt 131 Projekte, darunter befanden sich 13 Kulturprojekte.

Eine Studie bilanziert

Die Projektträger aus den Bereichen Kunst und Kultur und auch die politisch Verantwortlichen werden in einer Ende 2010 von der elsässischen Agentur für kulturelle Angelegen-heiten erstellten Studie - die den Zeitraum 2005 bis 2010 bilanziert - an ihrem Bekenntnis gemessen, sich für die nachhaltige Entwicklung der grenzüberschreitenden kulturellen Zusammenarbeit einzusetzen (www.cul ture-alsace.org).

Die etwa 30 Seiten starke Untersuch-ung wirft die Frage nach bisherigen Erfolgen, den Defiziten in der grenz-überschreitenden Zusammenarbeit und den Perspektiven - auch der Problembereiche - auf und formuliert abschließend - speziell für die Akteure auf französischer Seite - Empfehlungen zur Optimierung der kulturpolitischen Initiativen. Die Untersuchung befasst sich mit den von verschiedenen Entscheidungs-ebenen realisierten Herangehens-weisen, mit den Schwerpunkt-setzungen der Akteure - vor allem in den Bereichen der bildenden Kunst und der darstellenden Künste verweist auch auf betriebswirtschaft-liche Rahmenbedingungen und fragt nach der Bereitschaft der Publikums-kreise, zu grenzüberschreitenden Events in Nachbarregionen anzureisen. Grundlage der Studie sind Interviews mit den Leitern mehrerer französischer, deutscher und Schweizer Kunstzentren, darunter Theater-Leiter (Theatre National de Strasbourg und andere), Verantwortliche von Musik- und Tanzgruppen, Mitarbeiter kultur-politischer Zeitschriften, Ausbildungsleiter etc. Insgesamt wertet die Analyse die Stellungnahmen von 74 Personen aus, darunter befinden sich auf französischer Seite auch vier Abgeordnete.

Hindernisse grenzüberschreitender Kooperation

Das Bekenntnis zur verstärkten grenzüberschreitenden kulturellen Zusammenarbeit lässt sich aufgrund vielfältiger Probleme - nicht zuletzt der Dichotomie der Sichtweisen -oftmals schwer in nachhaltige Projekte umsetzen, zumal die Kulturschaffenden - im Hinblick auf Akteure in Wirtschaft und Politik -darauf achten müssen, dass die kulturellen Initiativen nicht (nationalem) politischem Lobbyismus geopfert bzw. der Wirtschafts- und Tourismusförderung untergeordnet werden.

Die von staatlicher Seite gesetzten Rahmenbedingungen, veränderte verwaltungstechnische nationale Vorgaben und Entscheidungsstrukturen können sich in der grenzüberschreitenden Kulturpolitik vor Ort negativ bemerkbar machen und/oder Kooperationsverfahren in wichtigen trinationalen Gremien erschweren.

Gremien und Förderstrukturen

Zu den zentralen kulturpolitischen Determinanten gehören sowohl die staatlichen und städtischen Entscheidungsträger aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz, als auch die sog. »Eurodistrikte« (Straßburg/ Ortenau, Freiburg/Colmar) und diverse Vereinigungen und Zusam-menschlüsse.

Besonderes politisches Gewicht besitzen die beiden französischen Generalräte (Colmar und Straßburg) und auf deutscher Seite die Regierungspräsidien in Freiburg und Karlsruhe.

Zentraler Punkt der politischen Willensbildung ist die seit 1975 bestehende sog. Oberrheinkonferenz (ORK) mit ihren 25 trinationalen Expertenausschüssen. Das in Kehl ansässige Kultur-Forum der ORK hat u.a. das Oberrhein-Festival ausgerichtet und unterstützt im Rahmen seiner Förderpolitik kleine unabhängige Initiativen stärker als etablierte städtische Einrichtungen. Allerdings scheinen schleppende Verständigungsprozesse und inhaltliche Divergenzen - so die Studie - dazu zu führen, dass von diesem Forum zu wenige Impulse ausgehen

Positive und negative Ergebnisse

Positiv ist die Bilanz der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Bereich von Kunstausstellungen, und auch bei der Organisation grenzüberschreitender Musikfestivals lässt sich eine Dynamik erkennen. Mehrere Kulturschaffende und Akteure aus Frankreich und Deutschland bedauern, dass die überragende Bedeutung von Basel als zentralem Zentrum moderner Kunst bisher nicht positiv auf das Umfeld - und insbesondere den nördlichen Teil des Oberrheingebiets - ausstrahlte.

Hinsichtlich der Kooperation der Theater fallen erhebliche Defizite auf; die Zahl der Koproduktionen ist sehr gering. Zurückzuführen ist das sowohl auf die Problematik der Zweisprachigkeit, als auch darauf, dass die dem Theatermanagement in Frankreich, der Schweiz und Deutschland zugrunde liegenden betriebswirtschaftlichen Systeme erhebliche Unterschiede aufweisen. Die elsässischen Theatergruppen arbeiten insgesamt unter günstigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, und der Struktur der elsässischen Kulturzentren steht - im Hinblick auf mögliche Partnerschaften - auf deutscher und Schweizer Seite nichts Vergleichbares gegenüber. Die zweisprachige Programme anbietenden Theatergruppen- sie werden auf etwa zehn geschätzt - suchen sich durch Auftritte in Schulen und Bibliotheken neue Publikumskreise zu erschließen.

Innerhalb der Entscheidungs-strukturen staatlicher Stellen bzw. von Gebietskörperschaften auf deutscher, französischer und schweizerischer Seite - die über teilweise bedeutende Finanzmittel verfügen - treten mitunter erhebliche konzeptionelle Differenzen auf.

Die Autoren der Studie bedauern, dass seitens der politischen Verantwortlichen hinsichtlich der Fördergelder für die Akteure zu wenig Transparenz bestehe, sodass vom Interreg-Programm der Europäischen Union insgesamt wenig Impulse ausgingen und auch immer wieder Finanzierungsengpässe aufträten, die die Akteure davon abhielten, grenzüberschreitende Beziehungen gezielt anzustreben.

Empfehlungen

Die Studie der elsässischen Kulturagentur plädiert ausdrücklich dafür, die Rahmenbedingungen der kulturellen Initiativen zu verbessern, indem die Kulturprojekte der Akteure vor Ort zum Ausgangspunkt der politischen Entscheidungen werden (Bottom-up-Heran-gehensweise), die Besonderheiten der kulturellen Initiativen beachtet und vor allem die Informationen über die Fördermöglichkeiten transparenter übermittelt werden sollten.

Die Studie befasst sich wiederholt mit dem großen Gewicht der politischen Entscheidungsträger - unter anderem in der Oberrheinkonferenz - und referiert die Wünsche von Kulturschaffenden bzw. Ausstellungsleitern nach größerer Unabhängigkeit von politischen Akteuren.

Die der Studie zugrunde liegende Frage, welche Voraussetzungen im Sinne einer neuen Dynamik grenzüberschreitender kultureller Zusammenarbeit erfüllt sein müssen, wird dahingehend beantwortet, dass die Vernetzung der Partner - vor allem in den Bereichen Theater, bildende Kunst etc. - forciert werden sollte, damit Kommunikationsplattformen umfassend genutzt, Ansprechpartner von potentiellen Partnerstrukturen und deren künstlerische Zielsetzungen bekannt würden und kleinere Kulturinitiativen bessere Entwicklungsmöglichkeiten erhielten.

Auch wenn die Studie wenige kultursoziologische Überlegungen enthält und die jeweiligen grundlegenden kulturellen Konzepte der Akteure weitgehend ausgeblendet werden, so stellt dieses sorgfältig erstellte Dokument doch ein mutiges Plädoyer für erweiterte Handlungsspielräume der Kulturschaffenden und flexiblere Rahmenbedingungen dar; es besteht der Wille zur Überwindung von Stagnationstendenzen und kurzatmiger Politik. Vor dem Hintergrund der Globalisierung, der Finanzkrise, nationaler Wirtschafts- und Raumordnungspolitiken und föderaler Bildungs- und Kulturpolitik sind in der grenzüberschreitenden kulturellen Zusammenarbeit »große Würfe« derzeit kaum denkbar. Es ist zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen auf deutscher Seite in den sich intensivierenden Dialog - als Voraussetzung neuer nachhaltiger Projekte mit verbindlichen Zeitplanungen - aktiv einschalten.





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